|
Landeszeitung vom 24./25. April 2010
Stilles Training für die Leselust
Das Projekt „Zeitungsleser-Weltentdecker“ begeistert Lüneburger
Realschüler
Mit dem Unterricht beginnt in Klasse 7b der Kopernikus-Realschule
täglich ein neues Ritual: Statt Hefte und Bücher schlagen die 32
Schüler seit knapp zwei Wochen die Landeszeitung auf. Und plötzlich
herrscht im Klassenraum bis auf wenig Papiergeraschel eine Stille
wie sonst nur selten. Denn die erste Viertelstunde machen die
Jugendlichen sich auf eine stille Entdeckungsreise mit der LZ,
widmen sich ruhig den Rubriken ihrer Interessen.
Was für geübte Leser selbstverständlich klingt,
ist für manchen Schüler noch eine Herausforderung. In dem Projekt
„Zeitungsleser – Weltentdecker“ von LZ und Leuphana Universität
sollen insgesamt mehr als 400 Schüer aus der Region nicht nur
lernen, sich in der Tageszeitung zurechtzufinden, sondern auch ihre
Lesefähigkeiten verbessern. Hinter der stillen Lektüre steht der
Ansatz des „Sustained Silent Reading“ (nachhaltiges stilles Lesen).
Im Unterricht wird meist von einem Schüler laut vorgelesen, doch
dass dies Tücken birgt, weiß Klassenlehrerin Britta Berkner: „Beim
lauten Lesen ist die Angst, Fehler zu machen, besonders groß.
Besonders schwache Leser fürchten eine Bloßstellung.“ Beim stillen
Lesen kann jeder Schüler nach seinen Lesefertigkeiten und im eigenen
Tempo schmökern. Ein weiterer Vorteil in Verbindung mit der LZ:
Jeder kann sich Artikel oder Rubriken auswählen, die ihn
interessieren. Der Druck, etwas Bestimmtes lesen zu müssen, ist den
Schülern genommen. „So werden Interessen gestärkt und nebenbei
Lesefähigkeiten verbessert“, erklärt Katharina Hahlbohm.
Einmal pro Woche besucht die Lehramtsstudentin
die 7b, um die Schüler dabei zu unterstützen. Im projektbegleitenden
Seminar an der Leuphana Universität wurde sie zuvor für den
Unterricht gerüstet. Im Anschluss an die stille Lektüre folgt zwar
ein Dialog, aber auch bei diesem bleibt es in der Klasse still. In
ein Heft kleben die Schüler einen aktuellen Artikel, kommentieren
ihn, tauschen ihr Heft mit Mitschülern und kommentieren wiederum
deren Artikelauswahl „Chatten auf Papier“ nennt die Klasse dies. Die
Ziele: Schüler sollen sich ihre Interessen bewusst machen und sich
eine Meinung bilden.
Diana (14) hat sich aus der Freitagsausgabe
der LZ den Bericht über einen Amokläufer ausgesucht. „Ich finde das
einfach schrecklich. Und auch wenn ich so eine Tat nicht
nachvollziehen kann, interessiert sie mich“, kommentiert die
Schülerin. Durch die tägliche LZ - Lektüre hat Diana für sich
bereits einen Vorteil entdeckt. „Ich kann bei vielen Themen
mitreden. Und das auch bei Dingen, über die sich meistens nur
Erwachsene unterhalten“, berichtet die 14-jährige stolz. Zeitung –
das war für David (13) immer ein etwas sperriger Begriff. Seine
Eltern haben keine abonniert, politische Nachrichten interessieren
ihn nicht. Und sowieso kann sich der Siebtklässler etwas Besseres
vorstellen, als großformatiges Papier zu studieren. „Aber ich bin
jetzt sehr überrascht, dass in der Zeitung so viel steht, was mich
interessiert“, verrät David. Und so schlägt der HSV-Fan mittlerweile
routiniert den Sportteil auf, sobald er seine LZ in die Finger
kriegt. |